Karla Bilang, Auszug aus der Laudatio, 2017 – Antje Scharfe. Keramik und andere Nischen

Antje Scharfe. Keramik und andere Nischen

Das Werk von Antje Scharfe ist in einem postmodernen Diskurs zu verstehen, es wird begreifbar im Hinterfragen der keramischen Gefäßform und deren Funktionalität und ebenso in ihrem eigenwilligen Umgang mit dem Material und dessen ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten. Die „Kultvasen“ (2013) ignorieren die Raum- und Körperlichkeit der Vase, lediglich ein mittig gesetztes Rohr hat eine räumliche Dimension und wäre zur Aufnahme von Flüssigkeit geeignet. Der Vasenkörper ist eine flache Scheibe mit dem Umriss eines Gefäßes, das sich nach oben hin schalenartig weit öffnet und das irritierende Spiel mit Körper und Fläche vor Augen führt. Die Vase, die keine ist, trägt aber wiederum die Dekoration der Porzellanvasen aus dem ostasiatischen Kulturraum mit Zweigen und Blüten, ein Prinzip, das wir beispielsweise aus den chinesischen Porzellanvasen kennen. Bei der Künstlerin verselbständigt sich das Dekorationsmotiv und überzieht, ja überwuchert den gesamten Gefäßkörper.

Antje Scharfe entwickelt einen ganz eigenen Ausdruck und ahmt keine Vorbilder nach, sie löst vielmehr bestimmte Elemente und Gestaltungsprinzipien heraus und arbeitet mit ihnen, so dass eine asiatische Anmutung entsteht, durchaus auch zu verstehen als Verneigung vor der, im Vergleich zu Europa, ganz unkonventionellen Vielfalt ostasiatischer Keramik.

Indem die Künstlerin den Gefäßkörper aufgibt, nähert sie sich dem flächenhaften Viereck des Bildes. Als solche keramischen Bilder sind zu verstehen die Fischschalen, die Serie der „Blumen“, die Schale mit Vogel oder mit Schildkröte, ebenso die Insekten. In ihnen wird mit der Glasur malerisch und vielschichtig gearbeitet: Wegwischen, Ritzungen, Tropfen, Flecken, Übermalungen lassen ein Bild entstehen, in dem die Spuren des Zufälligen und des Prozesshaften sichtbar bleiben. Der Unterschied zu einem gemalten Bild besteht in der Materialität der Glasur und des Scherbens, die eine bewegte Oberfläche hervorbringen. Die Künstlerin hat von der „mitteilsamen Oberfläche“ gesprochen, die ihr interessanter scheint als das tiefe Wesen der Form. So kommen zunehmend Ausdrucksmittel der Malerei und Grafik zur Anwendung. Die Fächerschale mit Fisch – stark abstrahierend – ist vergleichbar mit dem Dripping oder dem Automatismus des abstrakten Expressionismus.

Karla Bilang, Auszug aus der Laudatio, 2017

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