Karla Bilang, Auszug aus der Laudatio, 2017 – Christine Hielscher. Bruchstücke. Malerei und Zeichnung

Christine Hielscher. Bruchstücke. Malerei und Zeichnung

Kein geringerer als Herwarth Walden wäre angesichts der informellen Malerei von Christine Hielscher in wahre Begeisterungsstürme ausgebrochen. Zur Erinnerung: Walden veranstaltete 1913 in Berlin den Ersten Deutschen Herbstsalon als Sammelbecken der expressionistischen und abstrakten Tendenzen in der europäischen Malerei und protegierte vor allem Wassily Kandinsky, dessen abstrakter Expressionismus bahnbrechend für die neue Malerei wurde. Kunst ist Bild, nicht Abbild war die Devise und bedeutete die absolute Befreiung von der optischen Wirklichkeit, von den Dingen, Gegenständen, Landschaften usw. Die Erfinder der Abstraktion waren so berauscht von ihrer epochalen Neuerung, dass sie meinten, die gegenständliche Malerei würde ganz aufhören, quasi als überwundene Stufe der Kunstentwicklung zugrunde gehen. Doch dem war nicht so, schon in den 1920er Jahren zog mit der Neuen Sachlichkeit die gegenständliche Welt wieder in die Malerei ein und zur Zeit des Nationalsozialismus wurde jede Form der Abstraktion als „prähistorische Kunststotterei“ oder „jüdisch-bolschewistische Dekadenz“ verschrien und verboten. Die Idee der Abstraktion flüchtete – wie auch viele Künstler – aus Europa in die freie Welt der USA, wo sie in der New York School seit den 1940er Jahren mit Malern wie Jackson Pollock und den vielen Nachfolgern des Action Painting bis hin zu Cy Twombly eine Weiterentwicklung fand. In diesem Umkreis sind die künstlerischen Paten zu finden und die Richtung des Ausdrucks, zu der das Werk von Christine Hielscher in innerlicher Beziehung steht.

Das Spektrum der informellen Ausdrucksweise spannt sich in ihren Bildern vom in sich bewegten Raumkontinuum bis zum einzeln gesetzten Zeichen. Charakteristisch ist die Zurückhaltung in der Farbigkeit, die neben der Dominanz von Schwarz- und Grautönen vor allem die Materialität des Pinselstrichs sowie des Bildgrundes zum Tragen bringt. Durch den Verzicht auf den Bildgegenstand werden die Bildmittel selbst neben der ästhetischen auch mit inhaltlicher Relevanz aufgeladen. Die Künstlerin arbeitet in dem Bereichen des intuitiven und automatischen Schaffens, denen Wegstrecken des Erfahrens, Erlebens und Durchdenkens voraus gegangen sind bzw. zugrunde liegen.

Die Werkgruppe raumbewegt besteht aus dynamischen Minimalteilchen und netzartigen Strukturen. Sie geht den Bewegungen von Teilchen oder Elementen im Raum nach, ihrem Kreisen und Ziehen, dem Mit- oder Gegeneinander, den Fragen von Chaos und Ordnung, von Sinn und Unsinn. Man könnte es als bildliche Metapher für das gesellschaftliche Phänomen der Masse verstehen, von der der Einzelne ein Teil ist, der sich durchaus herauszulösen vermag, aber doch immer schwankt zwischen Zugehörigkeit und Individualität. Andererseits kann die Komposition auf einer fast schon physikalisch-objektiven Ebene als allumfassende Bewegung ohne Stillstand wahrgenommen werden, als ein außerhalb von Geschichte und Biographie existierendes objektives Sein, ein immanentes Prinzip des Weltenbaus.

Karla Bilang, Auszug aus der Laudatio, 2017

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.