Karla Bilang, Auszug aus der Laudatio 2017 – Dieter Goltzsche. Graphik

Dieter Goltzsche. Graphik

Aus der Zeit nach 1976 – die mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermanns und der darauf folgenden Ausweisung zahlreicher Berliner Künstler, Schriftsteller und Schauspieler eines der finsteren Kapitel der DDR-Geschichte war – haben wir mit der Lithographie „Vor der Stadt“ (1977) ein Beispiel der düster-expressiven Reaktion auf die damalige Stimmung im Lande. Aus schwarzen Balken ist die flächenhaft verschachtelte Komposition zusammengesetzt, sich krümmende Linien, aufsteigender Rauch, alte Industrieanlagen bilden eine in sich gebrochene Szenerie, die vor allem für das Zeitgefühl jener Jahre steht.

Für Goltzsche, der in den 60er Jahren noch illegal in einem kleinen Fischerhaus im Köpenicker Kiez lebte, begann Ende der 1970er Jahre die Anerkennung seines Schaffens. 1978 erhielt er den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste der  DDR und ab 1980 war er an der Kunsthochschule Weißensee als Dozent für Graphik tätig. Auf den hier vorliegenden Arbeiten aus den frühen 80er Jahren ist eine ausgewogene, oft heitere Ausdrucksweise vorherrschend, die eine deutliche Begegnung mit der klassischen Moderne, vor allem mit den Künstlern der Schule von Paris erkennen lässt. Neben Abstraktion und Stilisierung kommen auch zunehmend farbige Akzente ins Spiel, wie mehrfarbige Drucke oder eine nachträgliche Aquarellierung. Ein solches Beispiel ist die aquarellierte Algraphie „Der Falter“ von 1982, bei dem die Klarheit und Poesie der Figurinen von Oskar Schlemmer durchschimmert. Die Figuren sind ins lineare Profil gesetzt und umgeben von vorgestanzten schnittmusterartigen Teilen – vermutlich den aus Pappe gefertigten Anziehfiguren und deren Kleidungsstücke, die es damals in der DDR als Bastelspielzeug für Kinder gab. Diese Welt aus vorgefertigten Teilen entspricht der Sachlichkeit und der Mechanisierung des Organischen in der Bauhausästhetik. Sie wird bei Goltzsche in einer poetischen Weltsicht vorgeführt, die ihren Reiz aus der Klarheit und kompositorischen Ausgewogenheit der reinen Linie gewinnt.

Ebenfalls 1982 entstanden die aquarellierte Algraphie „Frau mit Blumen“ und die zweifarbige Algraphie „Halbakt“, die beide ausgesprochen französisch wirken und an Arbeiten von Matisse und Paul Gauguin denken lassen. Auch die farbige Algraphie „Märkisches Cafe“ (1983) vermittelt mit dem Schriftzug, den Markisen und draußen, neben Bäumen aufgestellten Tischen eher den Eindruck eines Straßencafes an der Seine als an der Spree. Der Künstler setzte quasi einen gedanklichen Gleichheitsstrich zwischen der Künstlerstadt Paris und der Künstlerstadt Ost-Berlin – und in vielen Dingen waren durchaus Entsprechungen vorhanden zwischen dem Montmartre der 1910er Jahre und den Ostberliner Künstlerszenen der 1980er Jahre: Man lebte in Bruchbuden, im Materiellen einfach und ärmlich, aber reich an geistigen Begegnungen zwischen Künstlern und Dichtern, Musikern und Theaterleuten. Künstlersein wurde vor allem eine Lebenshaltung, mit der oft und gerne die staatliche Bevormundung und Normierung unterlaufen wurde.

Mit dem Fall der Mauer von 1989 änderte sich die Situation auch für Dieter Golzsche, der 1990 als offizielles Mitglied in die Akademie der Künste gewählt wurde und stärker in der Öffentlichkeit stand als zu DDR-Zeiten, dabei aber auch die Querelen der Wendezeit zwischen Akademie Ost und West miterlebt hat. Aus dieser Zeit sind zwei Graphiken in der Ausstellung. Die Algraphie „Kleines Tier“ (1989) zeigt die Begegnung eines kleinen Tieres, das sich an den Boden duckt, mit einem surrealen Fabelwesen, das ihm aus der Luft entgegen segelt – vielleicht doch eine Metapher auf die Begegnung der bodenständigen Erdenbewohner aus dem Osten mit den Überfliegern aus dem Westen. Auch die Lithographie „Handschuh“ möchte ich in einem zeitgeschichtlichen Zusammenhang deuten als eine Situation im einstigen Berliner Mauerstreifen.

Die  Algraphie „Kinderkosmos“ (1996) fragt nach den unverstellten Quellen der Zeichenkunst. Aus Punkten und Linien entsteht eine expansive abstrakte Flächenform, wie sie von kleinen Kindern aus der Freude an der Motorik des zeichnenden Armes und ohne jeden Zweifel an deren Bedeutsamkeit zu Papier gebracht wird. Dieser Urform des schöpferischen Ausdrucks – ich möchte mir Kandinskys Lehrsatz vom Punkt zur Linie und Fläche nicht ganz verkneifen –  ist die rationale Zeichnung einer antikisierenden Architekturfassade kleinformatig beigeordnet. Wir können aus dieser Komposition vielleicht einen grundlegenden Satz für die Zeichenkunst von Dieter Goltzsche ziehen, der lauten könnte: Vor allem Intuition und Unbewusstes, gepaart mit der technischen Raffinesse des gewusst, wie.

Karla Bilang, Auszug aus der Laudatio 2017

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